Das berühmte Werk des 1854 in Dublin geborenen und 1900 in Paris verstorbenen Dichters und Verfechters der làt pour làrt wird in dieser Inszenierung von GLAUX verknüpft mit dem extravaganten Leben des Autors, der 1895 wegen "abartiger Neigungen" zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
So fragt auch der Staatsanwalt im Prolog: "Kann denn ein gut geschriebenes Buch, das widernatürliche, unmoralische Ansichten verficht, trotzdem ein gutes Buch sein?" Wildes Antwort lautet: "Kein Kunstwerk verficht Ansichten. Ansichten haben Leute, die keine Künstler sind."
Wilde, durch und durch Vertreter des Ästhetizismus, hält es nicht für nötig, sein Werk zu interpretieren, das überlässt er seinen Lesern - ein riskanter Schachzug, der ihn im prüden England des 19. Jahrhunderts hinter Gitter bringt.
GLAUX wagt eine Interpretation - die Protagonisten Dorian Gray, der Maler Basil Hallward und sein dekadenter Freund Lord Henry werden bei ihren Aktionen von "Schatten" begleitet, die das Geschehen kommentieren, doch an keiner Stelle einzugreifen vermögen.
Dorian, Spross einer nicht standesgemäßen Verbindung, dennoch wohlhabend und äußerst attraktiv, wandelt sich vom naiven Jüngling zum skrupellosen Mörder, der seine Schuld erst erkennt, als es für ihn kein Zurück mehr gibt. Wer aber die größte Verantwortung für Dorians Wandel trägt, das muss das Publikum beurteilen: Ist es der Maler Basil, der Dorian abgöttisch Liebt und das Portrait anfertigt, welches in Dorian den sehnsüchtigen Wunsch weckt, dass es doch an seiner Stelle altern möge; oder ist es Lord Henry, der Lebenskünstler, dessen einziges Vergnügen die Abwechslung ist und der Dorian als Studienobjekt missbraucht - wie viel Schuld trägt die Gesellschaft, die darauf bedacht ist, "den schönen Schein" zu wahren und alles Außerge- wöhnliche verachtet? Am Ende wird sich Dorians Schatten an Wilde, den Autoren wenden, um eine Antwort zu erhalten, da er sie schuldig bleibt, kann diese nur das Publikum geben...