Nach der Ankunft in Shanghai brachten wir zuerst unsere Koffer in die Zimmer der internationalen Abteilung. Die Gastfamilien erwarteten uns bereits vor dem Gebäude.
Nach der Begrüßung fuhren wir erst einmal zwanzig Minuten durch Shanghai und kamen schließlich in einer der zahlreichen Wohnanlagen an. Meist stehen vier oder fünf Hochhäuser in einem umzäunten Gebiet und umschließen so eine Gartenanlage. In so einem Hochhaus wohnt auch Yi chen mit seinen Eltern. Die Wohnung lag im neunten von insgesamt zweiunddreißig Stockwerken, umfasset ein Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer und zwei Schlafzimmer. Auch eine verglaste Terrasse, in der Wäsche aufgehängt war gehörte dazu.
Hier angekommen lernte ich auch Yi chens Vater kennen. Ich überreichte die Geschenke.
Nach einer Dusche in dem etwas ekligen Badezimmer und einem grünen Tee ging ich mit Yi chen im "Garten" der Wohnanlage spazieren und er zeigte mir ein bisschen die Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich wirklich das Gefühl, mich in dieser riesigen Stadt nie zurechtfinden zu können. Überall standen recht hohe Gebäude und nur durch die breiten Straßen konnte der Verkehr abgefangen werden.
An diesem Abend gab es typisch chinesisches Essen. Die Mutter hatte mich zuvor nach dem Schärfegrad gefragt, offenbar hatte ich aber nicht ausdrücklich genug meine Vorliebe zu Scharfem geäußert. Dennoch schmeckte es mir ausgesprochen gut, ganz anders als das "chinesische Essen" das wir in Deutschland bekommen. Nach dem Essen erklärten mir meine Gasteltern, das Shanghai nachts kalt sei, was ich dann auch bald merkte. Nachdem ich mit Yi chen noch etwas am Computer gespielt habe, ging ich doch relativ früh zu Bett.
Am nächsten Morgen konnte ich bis annähernd zehn Uhr schlafen. Im Bad fiel mir zum ersten Mal die schlechte Wasserqualität auf. Zum Frühstück gab es Toast mit Butter(!) und Scheiblettenkäse. Yi chen frühstückte mit mir, er aß allerdings nur drei Stangen Giotto, die Teil meines Geschenks gewesen waren. Danach machten wir uns mit Badmintonschlägern bewaffnet zum Century-Park, einer gewaltigen Grünanlage in Shanghai auf. Da der Weg doch etwas weit war, nahmen wir die U-Bahn. Bei dieser Gelegenheit bekam ich auch eine grüne Karte, mit der alle öffentlichen Transportmittel einfach zu bezahlen sind.
Der Park war allein durch seine Größe beeindruckend. Alles war üppig und grün. An dem großen See setzten wir hin und aßen Eis. Hinter uns probte eine Band für einen Abendauftritt. Yi chen telefonierte einige Freunde herbei, damit wir alle zusammen Badminton spielen könnten. Leider war es dazu dann doch zu windig. Später fuhren wir mit kleinen Tretautos durch den Park. Auffallend waren die vielen Chinesen, für die ein Europäer eine große Attraktion zu sein schien. Zu Mittag aßen wir in einem Pizza Hut. Danach wollte mein Chinese unbedingt mit mir die Geschenke für meine Eltern kaufen. Er hatte bereits seine Mutter angerufen, die dann tatsächlich auch gleich da stand. Sie handelte schnell den Schal und die Krawatte herunter, obwohl wir uns in einem Shoppingcenter befanden.
Wieder zuhause gab es Tee. Dieser wurde auf einem speziellen Teetisch "zusammengeläppert", der aus der Wurzel eines heute geschützten Baumes geschnitzt ist.
Ich wurde gefragt, ob ich "Dumplings" möge. Da ich die aber gar nicht kannte, beschloss die Mutter welche für das Abendessen zuzubereiten. Schließlich gab es dann verschiedene Soßen, in die der Dumpling, eine Art Maultasche, hineingetunkt werden konnte. Gerade mit den Stäbchen fiel es mir anfangs recht schwer die Dumplings dann noch zu essen, da sie nach kurzer Zeit sehr glitschig wurden. Mir schmeckten sie zumindest bei diesem Ersten Mal noch sehr gut. Ich hörte noch etwas Musik und dann war es schon Zeit, zurück in die Internationale Abteilung zu fahren.
Wegen der langen Fahrt nach Suzhou mussten wir schon um sieben Uhr dreißig zum Frühstück in der Mensa erscheinen. Danach ging es direkt mit dem Bus Richtung Westen zum 80 km entfernten Suzhou in der Provinz Jiangsu. Unser Reiseleiter erzählte uns, dass es in mehrere Stadtteile aufgeteilt sei. Die berühmtesten sind die Gartenstadt und die Wasserstadt, auch Venedig des Ostens genannt. Durch Seidenhandel, Kaufleute und Beamte war die Stadt zu Reichtum gekommen und nach Fertigstellung des Kaiserkanals, in der Blütezeit der Stadt, hatte es über 200 weitläufige Gartenanlagen gegeben.
Endlich angekommen besichtigten wir ein buddhistisches Kloster namens "Hanshan" was "kalter Berg" bedeutet. Es ist schon über 1000 Jahre alt und auch heute gibt es hier noch Mönche. Nach einem Blick von der Pagode, auf deren Dach einig ihr Kleingeld warfen ging es erst einmal zum Mittagessen in einem recht guten Selbstbedienungsrestaurante. Wir befanden uns in einem Teil der Stadt an dem die Häuser direkt am Kanal gebaut waren. So konnten Waren schnell ein- und ausgeladen werden. Nach der Mittagspause ging es mit dem Bus zu einem der ehemals 18 bedeutenden Großgärten in Suzhou.
Dem Garten "Wangshi Yuan" ("des Meisters der Netze") eines kaiserlichen Beamten aus der Mitte des 18. Jh. Also der Übergang der Ming zur Qing Dynastie. Hier lernten wir etwas über den Aufbau Chinesische Wohngärten. Die vier Elemente Stein - Wasser - Pflanzen - Architektur müssen eine Harmonie bilden. Außerdem ist der Garten aufgeteilt in einen Empfangsteil, Wohn- und Schlafgebäude, einen für Mann und Frau geteilten Speise-Pavillon und ein Teehaus, das auf einer Insel steht. Die einzelnen Teile sind durch Mauern mit meist runden Durchgängen oder Teiche und Seen voneinander abgetrennt. Die Brücke zum Teehaus durfte nicht gerade sein, da sonst die "bösen" Geister das Wasser überqueren könnten.
Viele hatten sich wahrscheinlich China so vorgestellt wie genau in diesem Garten. Auch wenn eine Schülerin getragen werden musste wären wir sicherlich noch gerne länger geblieben. So war es schade, dass uns wieder die Zeit drückte und wir weiter zu einer alten Brücke über den Kaiserkanal fuhren. Dieser Kanal gilt mit über 1800 km Länge als der längste künstliche Kanal der Welt. Er verbindet den Gelben Fluss mit dem Jangtsekiang und war über 600 Jahre die wichtigste Handelsroute in China. Heute ist er durch Sedimentablagerungen und die Verlagerung des Gelben Flusses fast nicht mehr passierbar.
Die alten Brücken stehen aber zum größten Teil noch. Ihre Öffnung bildet über dem Wasser meist ein exaktes Halbrund, sodass bei Sonnenuntergang die Wasserspiegelung einen perfekten Kreis bildet - dies ist ein Teil der Mentalität des alten Chinas.
Nach der herrlichen Aussicht von der Brücke ging es weiter zum Highlight des Tages - einer Seidenfabrik.
Die Seide wird hier von der Seidenraupe gewonnen. Die noch in ihrem Kokon aus Seide liegende Raupe wird gekocht. Dann wird die Seide vorsichtig abgewickelt. Würde man warten bis die Raupe geschlüpft wäre, würde das Loch im Kokon die weitere Verarbeitung unmöglich machen. Wenn sich Zwillingsraupen in einem Kokon befinden wird dieser nach dem kochen nicht abgewickelt, da die Seidenfäden verknotet sind. Stattdessen wird die Seide auseinander gezogen und dann in vielen Schichten für eine Matratze verwendet.
In den Verkaufsräumen konnten wir uns anschließend mit Seidenprodukten aller Art eindecken. Durch Echtheitszertifikate wurden wir auf die hohe Qualität der Seide hingewiesen - etwas, bei dem man sich bei den unzähligen Straßenhändlern nie sicher sein konnte.
Dann ging es bereits wieder zurück nach Shanghai. Nach dem Abendessen hatten die Schüler Freizeit. Die Lehrer mussten sich allerdings noch auf einem Bankett, der offiziellen Empfangszeremonie der Deutschen in China, erscheinen. Wie Betreuerin Frau Wagner am nächsten Tag versicherte, verlief alles zur vollsten Zufriedenheit, nur das Essen sei wohl mit unzähligen Gängen etwas zuviel des Guten gewesen.
Bereits am Freitagabend wurden die meisten Schüler von ihren Gastfamilien an der Jincai Highschool abgeholt. Ich spielte mit Yi chen auf einem Platz im Garten Badminton. Dann gingen wir japanisch essen. An diesem Abend spielten wir noch etwas Computer und hörten chinesischen Rap.
Am nächsten Morgen schlief ich wieder lang aus. Zum Frühstück gab es wieder Toast mit Scheiblettenkäse. Nach einer Dusche zeigte Yi chen mir die großen Einkaufsstraßen, die Nàn nánjing lù oder die Hnài hài lù und einige schöne Parks wie der people's park. Bei der Gelegenheit besorgte ich weitere Geschenke. Es folgte eine lange Fahrt mit dem Taxi durch die halbe Stadt, bis wir schließlich beim Time Square wieder ausstiegen, praktisch direkt vor der Haustür. Doch wir gingen wieder essen - diesmal chinesisch. Danach machten wir noch einen Spaziergang am Huangpu. Als ich zuhause nach einem guten Teegeschäft fragte, bot sich die Mutter sogleich an, mir bei der Auswahl zu helfen. So wurde mir die schwierige Entscheidung zum richtigen Tee enorm erleichtert. Wieder Zuhause gab es auch schon Abendessen. Mehrere Reissorten, unter anderem süßer und salziger, welcher mit Ei und fast flüssiger. Yi chens Mutter zeigte mir, welche Reissorte mit welchem Fleisch, Fisch, oder Gemüse zu kombinieren sei. Nach dem Essen zeigte
mir der Vater Fotoalben. Ich erfuhr, dass sie bis vor zwölf Jahren in Jaixing bei seinen Eltern und seinem Bruder gelebt hatten. Dann hatte er bessere Arbeit in Shanghai gefunden. Am Sonntagmorgen verabschiedete sich die Mutter von mir, da sie jetzt nach Italien fliege.
Noch abends um 11 Uhr, nach dem Ausflug nach Hangzhou, gab es Dumplings.
Der Montagmorgen begann für mich wieder spät, doch vom Vortag war ich immer noch müde. Zum Frühstück gab es sehr süße Backwaren und Kaffe. Der Versuch Badminton zu spielen scheiterte am Wind. Wir gingen zum "Welt-Finanz-Center" dem Hochhaus mit der höchsten Aussichtsplattform der Welt. Eigentlich hatten wollte ich diese Plattform besuchen, doch bei dem relativ hohem Preis von 150 Yuan ließen wir davon ab.
Zu Mittag gingen wir zusammen mit dem Vater in ein sehr gutes japanisches Restaurant. Am Nachmittag fuhren wir als Ersatz zum Finanz-Center auf das Dach des Wohnblocks und hatten auch hier eine tolle Sicht, die nur der Smog etwas behinderte. Auf dem Dach hatten sich einige Mieter richtige kleine Gärten angelegt und manche konnten wir beim Teetrinken oder der Gartenarbeit beobachten.
Danach musste Yi chen noch Hausaufgaben machen. Ich sah mir einige Filme an und spielte Play-Station2. Gegen Abend veranstaltete der Vater einen Abschiedstrunk und fuhr uns schon um 18:30 zur Jincai Highschool. Yin chen brachte seine Sachen auf sein Zimmer und ging mit mir noch "Hot-Dogs" essen. Dann begleitete er mich zur Internationalen Abteilung, wo er unsere Zimmer besichtigte. Dann verabschiedete ich mich von ihm.