20.04.2009
Reisetagebuch
von Björn Zeus
Es ist Samstag, ein mehr als 10 Stunden langer Flug liegt hinter uns und eine Gruppe von 19 Schülerinnen und Schüler warten gespannt auf ihre Zimmerschlüssel. Sie stehen zusammen mit ihren Gepäckstücken auf dem Schulhof der Jincai International Highschool. Wenige Meter entfernt von ihnen wartet eine weitere Gruppe Chinesen, nicht auf Zimmerschlüssel o.ä., sondern auf die Deutschen.
Auf den ersten Blick erkenne ich meinen Austauschschüler. Sein Name ist Jia Hao, er kommt aus der nördlichsten Provinz Chinas, Heilongjiang. Diese ist den meisten Europäern besser bekannt als Mandschurei. Hao lebt zusammen mit seiner Tante und seinem kleinen Cousin, den er liebevoll “kleiner Bruder (chin.: Di-di)” nennt in Shanghai. Seine Eltern wohnen beide weiterhin in Heilongjiang, da der Vater dort seinem Beruf als Richter nachgeht. All diese Informationen habe ich schon Wochen vorher erhalten, da wir bereits vor der Reise miteinander über e-Mail kommuniziert haben ... ein Hoch auf das World Wide Web.
Also lasse ich alles stehen und liegen und gehe auf ihn zu. “Nihao, wo hen gaoxing renshi ni!”, lautet meine Begrüßung, er ist etwas erstaunt darüber, dass ich ihn in Chinesisch und nicht in der inoffiziellen Weltsprache Englisch begrüße, aber seine Freude darüber ist förmlich sichtbar. “Wo huanying ni”, lautet seine Rückantwort, dazu gibt es einen herzlichen Händedruck. Unsere erste Begrüßung dauert viel zu kurz. Noch bevor ich mich für seine Gastfreundschaft bedanken kann, geschweige denn mich bei den anderen Chinesen richtig vorstellen kann, ist von hinten ein lautes Rufen zu hören. Die Zimmerschlüssel sind da, wir werden auf die einzelnen Zimmer aufgeteilt. Leider muss ich die chinesischen Schüler für einige Minuten verlassen, gerade als wir richtig ins Gespräch kommen.
So weit, so gut. Das Wohnheim ist ein großer Gebäudekomplex, der in eine Mädchen- und eine Jungenabteilung aufgeteilt ist. Die beiden Abteilungen werden in jedem Stockwerk durch eine Glastür getrennt, die wiederum mit einem Fahrradschloss abgesperrt ist. Nur im EG (chin. 1. Stock) kann man innerhalb des Gebäudes von der einen zur anderen Abteilung gelangen.
Zusammen mit Jan K. beziehe ich ein Zimmer. An sich versuchen wir, so schnell es nur geht wieder nach unten zu kommen. Nachdem ich meinen Koffer in die Ecke des Raumes gelegt habe und mir schnell etwas Neues angezogen habe, kann es auch schon nach gefühlten 3 Minuten wieder nach unten gehen. Dabei habe ich jetzt nur noch einen Rucksack für die beiden Tage bei Hao und natürlich das Wichtigste, die Gastgeschenke.
Alles in allem ist es doch etwas ungewohnt für mich, direkt am Tag der Ankunft zu meinem Austauschschüler zu gehen. Die beiden Jahre zuvor waren wir unter der Woche in Shanghai angekommen und verbrachten einige Nächte im Wohnheim, bevor wir zu unseren Gastfamilien kamen.
Unten wieder angekommen werden noch kurz Handynummern ausgetauscht, einige Jokes gemacht
und schneller als gedacht geht es schon los Richtung Haos Wohnung. Also nicht ganz, zuvor suchen wir zusammen mit einigen anderen eine “SPD-Bank” zum Geldwechseln auf, danach kann es weiter gehen. Vor Hao und mir liegt nun eine fast 30 Minuten lange Reise. Unsere Schule ist in Pudong (östlich des Huangpu) und er wohnt in Putuo (westlich des Huangpu), daher der weite Weg.
Nach zweimaligem Umsteigen in der U-Bahn und kurzer Busfahrt erreichen wir sicher und überglücklich unser Ziel. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich noch nie zuvor in diesem Stadtviertel Shanghais war, jedoch kann man hier noch das “traditionelle Shanghaier Leben” erleben. Putuo ist im Gegensatz zum rund 20 Jahre alten Pudong kein Vergleich.
Etwas in die Jahre gekommen ist Putuo schon, trotzdem oder gerade deshalb gefällt es mir hier so gut. In Putuo findet man noch für chinesische Verhältnisse sehr alte Häuser, entlang den Straßen verkaufen Händler frische Früchte, Straßenküchen verwöhnen Gäste mit Spezialitäten und Tüftler versuchen in provisorischen Werkstätten ihre Mopeds zu tunen. Hier hängen die Einwohner noch ihre Wäsche zum trocknen entlang des Gehwegs auf und die Straßen können wegen ihrer geringen Breite meist nur als Einbahnstraßen genutzt werden. Auf den Gehwegen stehen überall Fahrräder herum, wegen denen ich leider gelegentlich auf die stark befahrene Straße ausweichen muss. So etwas wie hier würde man niemals im hypermodernen Pudong finden. Genauso wie hier stelle ich mir das typische chinesische Stadtbild vor.
Nun sind wir an unserem Ziel angelangt. Eine kleine “Siedlung” von 4 oder 5 30. stöckigen Wohnhäusern, die, wie man es fast überall ich China sieht, von einem hohem Zaun umrahmt werden.
Am Hauptportal steht Tag und Nacht ein Wachmann in Uniform. Er soll für die Sicherheit der Bewohner sorgen, aber bestenfalls grüßt er jene mit einem kurzen Wei, wie es auch bei Telefonaten zu hören ist.
Der Besuch kann jetzt richtig beginnen. Wir steigen im 11. Stock aus dem Aufzug heraus, Hao schließt die Tür auf und sofort kommt mir sein “kleiner Bruder” entgegengerannt um mich in seinem Heim willkommen zu heißen. Hier fühle ich mich sofort heimisch. Als nächstes tritt seine Mutter aus dem Esszimmer hervor um mich zu begrüßen. Sie wohnt hier alleine mit ihrem Sohn und ihrem Neffen. Ihr Ehemann, den ich eine Woche später noch kennen lernen darf, wohnt in einem anderen Teil Shanghais und kommt nur an Feiertagen oder bei Notfällen nach Hause. Die Straßenschuhe werden gegen Pantoffeln getauscht, dies geschieht im Eingangsbereich des Hauses (erstes Fettnäpfchen in das die meisten Ausländer hineintreten). Ich bedanke mich nochmals für die großzügige Gastfreundschaft, die sie bereit sind mir entgegenzubringen. Gleich darauf fange ich auch schon an, die Gastgeschenke zu verteilen. Wie üblich packen sie die Geschenke nicht aus, nur mein kleiner Gastbruder kann sich vor lauter Aufregung nicht zurückhalten und reißt das erste auf. Meine Erfahrung mit zahlreichen Chinesen lässt mich mal wieder nicht im Stich, die Geschenke kommen gut an und über die zusätzlichen Süßigkeiten (Gummibärchen) freut er sich riesig. Ein Geschenk nach dem anderen fällt seiner Freude zum Opfer.
“Do you eat Chinese food and can you use chopsticks”, lautete die erste Frage der Tante an mich. Mit “Shi, wo hui yong”, beantworte ich ihre Frage positiv. Keine 10 Minuten später, in der Zwischenzeit hat mir Hao seinen Plan für den kommenden Tag angekündigt, wird das Essen auf dem Tisch serviert. Nicht Haos Tante hat gekocht, sondern ihre Haushälterin, die mittags kommt und nach dem Abendessen die Wohnung wieder verlässt.
Nach dem Abendessen fahren wir zur Nanjing lu, einer Einkaufsstraße, die ich schon in früheren Jahren aufgesucht hatte.
Der nächste Tag fängt für uns sehr früh an. Um 9 Uhr gehen wir außer Haus, vor uns liegen rund 2 Stunden Fahrt mit unzähligen Buswechseln. Wir fahren nach Guyiyuan, einem der ältesten Gärten Shanghais. Man kann ihn mit Yu-Garten auf gar keinen Fall vergleichen, er ist größer und schöner. Vor dem Eingang des Gartens treffen wir Hans, einen Mitschüler und Freund von Hao. Hans wird uns auch nächstes Wochenende auf unseren Unternehmungen begleiten.
In Guyi-Garten ist es einfach toll. Diese Ruhe und Gelassenheit, wie sie hier anzutreffen ist, kann man sonst nirgendwo in Shanghai finden. Die Luft hier ist um einiges besser als in der Innenstadt und vor allem wird dieser Garten nur von Chinesen aufgesucht, weit und breit bin ich der einzige Ausländer.
Nach rund 3 Stunden sind wir einmal durch den Garten gegangen, haben alle Gebäude innerhalb des Gartens aufgesucht und eine Bootstour war auch noch drin. Natürlich haben wir auch, wie es sich für Touristen gehört, Hunderte von Erinnerungsfotos geschossen. Das anschließende Mittagessen besteht aus Baozi (Teigtaschen mit Fleischfüllung).
Nach dem Mittagessen geht es weiter in ein historisches Stadtviertel, das nur wenige hundert Meter von Guyi entfernt ist. Auf unserer kleinen Tour durch dieses Viertel fällt uns nach wenigen Metern ein sehr strenger Geruch auf. Ich freue mich und sage zu Hao: “Hey, someone makes smelling tofu.” Hao fängt einen kleinen Augenblick später an zu lächeln und berichtet mir, dass er ein Liebhaber von Tofugerichten ist, somit haben wir unsere gemeinsame Vorliebe für Tofu entdeckt. Natürlich können wir uns eine Probe dieser Speise nicht entgehen lassen. Der Tofu wird direkt an einem Straßenstand zubereitet und verkauft.
Die Tour geht weiter, als nächstes steht ein buddhistischer Tempel auf dem Programm. Vor dem Tempel sitzen vorwiegend ältere Männer mit grauen Barthaaren auf kleinen Hockern und bieten Handlesen, also einen Blick in die Zukunft an. Wenn einer von diesen Hellsehern mal einen Kunden hat, dauert es nicht lange und eine große Schar von Chinesen steht ringsherum. Wir sind nicht an unserer Zukunft interessiert und gehen weiter Richtung Eingang.
Die Tempelanlage ist riesig. Der gesamte Tempel ist symmetrisch angelegt, er besitzt drei Hauptgebäude, im mittleren Hauptgebäude befindet sich auch der große Gebetsraum. Nachdem man das Eingangsportal betreten hat, gelangt man auf einen kleinen Vorplatz. Hier kann man Kerzen und Räucherstäbchen anzünden. Danach folgt das erste der drei Hauptgebäude, rechts und links jenes ist jeweils ein Turm. Auf dem linken befindet sich eine riesige Trommel, auf dem rechten ein gigantischer Gong.
Durch Zufall finden wir den Eingang zum Keller. Dieser ist aufgeteilt in drei sehr große Räume. Der Boden ist mit Marmor bedeckt und an den Wänden stehen hohe Regale mit 7*15 cm großen Fächern. In ihnen stehen kleine Buddhastatuen mit jeweils einer Kerze. Vor den Fächern hängt ein Namensschild des Gläubigen. Der dritte Raum ist reserviert für die Verstorbenen. Vor den Regalen werden hier noch Opfergaben wie Wasserflaschen und Obst gelegt, diese sollen für ein gutes Weiterleben des Verstorbenen im Nirwana sorgen.
Wir kommen aus dem Keller heraus und befinden uns auf der Rückseite des mittleren Haupthauses. Dort findet zur gleichen Zeit eine Messe statt. Ein “Hauptmönch” sitzt in der Mitte des Raumes, direkt vor drei goldenen Buddhastatuen. Links und rechts von ihm sitzen in erster und zweiter Reihe Mönche an kleinen Tischen. Hinter ihnen kommen erst die Gläubigen. Der “Hauptmönch” singt vor und ein weiterer Mönch folgt im Kanon. Daraufhin wiederholen die Gläubigen das Vorgesungene.
Kurzentschlossene, die nicht die gesamte Messe mitmachen wollen, können den Raum betreten und auf separaten Hockern ihre Wünsche an Buddha richten.
Zum Abschluss unseres Tempelbesuches wollen meine atheistischen Freunde ihre Wünsche nochmals vor Buddha verkünden. Dazu müssen sie einige Male vor einer Statue des Religionsgründers niederknien. Sie fragen mich, ob ich auch Wünsche an Buddha abgeben will, aber ich lehne mit einem Schmunzeln ab.
Mit dem Bus fahren wir wieder zurück. Am Abend bringt mich Hao nach dem Abendessen bei Maidanglao (raten Sie mal, welches Schnellrestaurant das sein könnte) zurück zur internationalen Abteilung.